Ferrari baut sein erstes vollelektrisches Serienmodell Luce. Das soll jetzt also die Zukunft aus Maranello sein? Ja, die Leistungsdaten lesen sich absurd beeindruckend. Aber ganz ehrlich? Mich holt der neue Ferrari Luce überhaupt nicht ab. Und das sage ich nicht aus diesem typischen „Elektroautos sind keine echten Sportwagen“-Reflex heraus, sondern weil der Luce für mich einfach komplett seine Herkunft verloren hat. Wenn man mir Bilder davon ohne Logo zeigen würde, käme ich wahrscheinlich eher auf irgendeine futuristische Luxusmarke aus China oder auf ein Konzeptfahrzeug von Apple als auf Ferrari. Genau das ist für mich das größte Problem.

Klar, technisch ist das Ding völlig irre. 1.050 PS, vier Elektromotoren, Torque Vectoring bis zum Abwinken, aktive Aerodynamik, riesige Reichweite – das ist Ingenieurskunst auf brutal hohem Niveau. Aber bei Ferrari will ich nicht zuerst an Softwarearchitektur, OLED-Displays und „Glass House“-Design denken. Ich will Emotion. Ich will Gänsehaut. Ich will diesen Moment haben, wo ein Auto schon im Stand Aggression, Leidenschaft und italienisches Drama ausstrahlt.
Und der Luce wirkt auf mich eher wie ein luxuriöses Designobjekt. Fast steril. Zu glatt. Zu clean. Zu sehr „Tech-Lifestyle“. Gerade diese extrem reduzierte Formensprache nimmt ihm für mich komplett die Wildheit, die Ferrari sonst immer hatte.
Was mich zusätzlich irritiert: Ferrari versucht krampfhaft zu erklären, warum sich der Luce trotzdem wie ein Ferrari anfühlen soll. Das ganze Thema mit künstlich verstärktem Elektrosound, simuliertem Drehmomentgefühl über Schaltwippen und dieser riesige Fokus auf Komfort zeigt für mich eher, dass sie selbst wissen, wie schwierig dieser Spagat ist.

Vielleicht fährt er sensationell. Das glaube ich sogar sofort. Ferrari kann Fahrdynamik wie kaum jemand anderes. Aber optisch und emotional? Für mich bisher leider ein kompletter Fehlgriff.
Viel Technik, wenig Seele
Ferrari spricht beim Luce von einem „neuen Kapitel“ und davon, die Elektrifizierung mit echter Ferrari-DNA zu verbinden. Vier Elektromotoren, über 1.050 PS, 0 auf 100 km/h in 2,5 Sekunden, mehr als 530 Kilometer Reichweite und ein komplett neu entwickeltes Chassis sollen genau das beweisen.
Beeindruckend ist das schon. Technisch sogar massiv beeindruckend. Ferrari hat hier nicht einfach einen bestehenden Verbrenner elektrifiziert, sondern eine komplett neue Plattform entwickelt – inklusive 800-Volt-Architektur, vier einzeln angesteuerten Elektromotoren und hochkomplexer Fahrdynamiksysteme.

Aber genau da beginnt für mich das Problem. Denn der Luce wirkt auf mich eher wie ein futuristisches Luxus-Techobjekt aus dem Silicon Valley als wie ein Ferrari aus Maranello.
Wo bitte ist hier die Ferrari-DNA?
Ferrari selbst beschreibt das Design als „radikal neu“, spricht von Klarheit, minimalistischer Formensprache und einem sogenannten „Glass House“. Verantwortlich dafür ist übrigens nicht das klassische Ferrari Centro Stile, sondern das Designkollektiv LoveFrom rund um Sir Jony Ive – also genau jener Mann, der einst iPhones und MacBooks geprägt hat.
Und genau so fühlt sich der Luce für mich leider auch an: wie ein überdimensioniertes Apple-Produkt auf Rädern.
Die extrem glatte Karosserie, die riesigen Glasflächen, die fast sterile Linienführung und dieses schalenartige Design mögen modern sein – aber emotional? Für mich absolut nicht. Ferrari stand für mich immer für Leidenschaft, Dramatik, Aggressivität und eine gewisse italienische Verrücktheit. Der Luce dagegen wirkt kühl, glattgebügelt und fast schon klinisch sauber.

Selbst die Tatsache, dass Ferrari stolz auf vier Türen und fünf Sitze verweist, zeigt, wie weit sich der Luce vom klassischen Ferrari-Gedanken entfernt hat.
Leistung allein macht noch keinen Ferrari
Natürlich wird jetzt jeder sagen: „Aber der hat doch 1.050 PS!“
Ja. Hat er. Und vermutlich fährt das Ding brutal schnell.
Doch Ferrari war nie nur Zahlenwerk. Ferrari war immer dieses Gefühl. Dieses Kribbeln. Dieses mechanische Drama. Dieses leicht Wahnsinnige. Der Moment, wenn ein V8 oder V12 hochdreht und man sofort weiß: Das ist ein Ferrari.
Beim Luce versucht Ferrari genau dieses Problem mit einem künstlich verstärkten Elektrosound zu lösen. Dafür werden Vibrationen und Geräusche der Elektromotoren aufgenommen, verstärkt und über ein spezielles System nach außen und innen übertragen.

Und sorry, aber genau das zeigt doch schon das Dilemma. Wenn man erst komplizierte Klangsimulationen und Soundarchitekturen erklären muss, damit Emotion entsteht, dann fehlt irgendwo der natürliche Kern.
Komfortabler denn je – aber will ich das überhaupt?
Ferrari bezeichnet den Luce sogar als „komfortabelsten Ferrari aller Zeiten“.
Das mag objektiv betrachtet großartig sein. Mehr Platz, mehr Ruhe, mehr Luxus, mehr Alltag. Aber ich frage mich wirklich: Muss ein Ferrari genau das sein? Denn wenn ich maximale Ruhe, riesige Glasflächen, luxuriöse Lounge-Atmosphäre und ein ultramodernes Tech-Interieur möchte, dann gibt es dafür mittlerweile genügend Elektro-Limousinen auf dem Markt. Genau deshalb hätte ich mir gewünscht, dass Ferrari trotz Elektroantrieb stärker an seinem eigenen Charakter festhält.

Ferrari darf elektrisch werden – aber bitte nicht beliebig
Und damit das klar ist: Mein Problem ist nicht das Elektroauto an sich. Ferrari darf elektrisch werden. Die Welt verändert sich nun einmal und auch Sportwagenhersteller müssen neue Wege gehen.
Aber ein Ferrari muss sich trotzdem wie ein Ferrari anfühlen.
Beim Luce sehe ich dagegen ein technisch faszinierendes Elektroauto, das unglaublich viel kann, aber emotional komplett an mir vorbeigeht. Vielleicht fährt er am Ende sensationell. Vielleicht begeistert er auf der Straße sogar mehr als auf Bildern und Datenblättern.

Aktuell aber bleibt bei mir vor allem ein Gedanke hängen:
Wenn das Cavallino Rampante nicht auf der Front stehen würde, ich käme niemals auf die Idee, dass hier ein Ferrari vor mir steht.
Stand: Mai 2026; Fotos: Ferrari



